Schicksalsjahr für automobiles Kulturgut
Eine neue Verordnung bedroht erhaltenswerte Klassiker

Auf Wiedersehen Mercedes W126, Adieu Porsche 928, Goodbye BMW 635Csi! Wir werden Euch vermissen! Doch am 10. Februar 2006 sollte Euer Schicksal besiegelt werden. An diesem Tag verabschiedete der Bundesrat die "Verordnung zur Neuordnung des Rechts der Zulassung von Fahrzeugen zum Straßenverkehr". Frei aus dem Beamtendeutsch übersetzt: Das Todesurteil für die sogenannten "Youngtimer". Denn die von unseren Volksvertretern mal eben zwischen Käseverordnung und Gefahrgutverordnung für die Binnenschifffahrt beschlossene "Bundesratsdrucksache 811/05" hebt das Mindestalter für Fahrzeuge mit dem beliebten roten 07er-Kennzeichen auf 30 Jahre an. Die 07 im Nummernschild war gerade bei den Fahrern der "Youngtimer", also Autos im Alter von 20 bis 30 Jahren sehr beliebt. Denn mit ihr war es möglich, gleich mehrere dieser automobilen Klassiker für Treffen, Probefahrten oder Überführungen unter einer Nummer anzumelden, und das für günstige 192 Euro im Jahr.

Tritt die neue Verordnung in Kraft, würde für automobiles Kulturgut, das jünger als 30 Jahre alt ist, wieder die übliche Besteuerung nach Hubraum gelten. Beim Benziner 25,36 Euro und beim Diesel 37,58 Euro pro 100 Kubikzentimeter. Statt 192 Euro für mehrere Autos würde der Besitzer eines Mercedes 300D dann mit 1127,40 Euro zur Kasse gebeten. Diese Summe würde bei manchen Modellen den gesamten Wert des Wagens übersteigen! Mit so horrenden Unterhaltskosten würde in der Youngtimer-Szene das Massensterben eingeläutet. Denn wer will schon zehn Jahre warten, bis sein automobiles Schätzchen zum Oldtimer wird, und damit alt genug ist für ein günstiges Oldtimer-Kennzeichen.

Natürlich muss die Frage erlaubt sein, was diese über 20 Jahre alten Autos überhaupt noch auf deutschen Strassen zu suchen haben. Sie haben keinen Katalysator und ihr Verbrauch ist vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß. Aber die Umwelt wird bei ein oder zwei Überführungsfahrten zum Clubtreffen sicher weit weniger belastet als vom ebenso sprithungrigen Fuhrpark unserer Politiker, die sich auch gerne mal mit der Limousine chauffieren lassen um fünf Minuten Fußweg einzusparen. Auch sind die Youngtimer vielleicht nicht so flüsterleise wie die modernen Autos, aber eines haben sie fast allen heutigen Modellen voraus: Charakter!

Und den beweist auch hoffentlich Verkehrsminister Tiefensee, denn das Schicksal des Mercedes W126, des Porsche 928 und vieler weiterer Youngtimer ist erst dann endgültig besiegelt, wenn die neue Verordnung vom zuständigen Bundesminister abgezeichnet wird. Das ist bisher zum Glück nicht geschehen.

Text: Michael Lagemann

AUTOMOBIL - KOMMENTAR
ARTIKEL FOTOS
DOWNLOADS
Zurück ZURÜCK
Zurück ZURÜCK